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Virtua Fighter: Tot oder Lebendig?

veröffentlicht am von Joël Hartmann

Es ist die Ära der Bündnisse. In Zeiten hoher Entwicklungskosten und ebenso hoher Verkaufsprognosen müssen Spiele gleich auf mehrere Arten auf sich aufmerksam machen. Eine davon ist der Name auf der Verpackung – oder auch die Namen, denn immer häufiger laden Publisher zu sogenannten "Crossover"-Spielen ein, in denen zwei bekannte Franchises aufeinander treffen. Die Idee ist fast so alt wie das Medium selbst, wurde allerdings erst in den 90er Jahren von Capcom mit der "Versus"-Reihe (Capcom vs. SNK, Marvel vs. Capcom) berühmt gemacht. Heutzutage sind vom Franchise-Cocktail nur wenige Marken unbefleckt; sei es Cloud Strife (Final Fantasy) in Kingdom Hearts, Ezio Auditore (Assassin’s Creed) in Soul Calibur V oder Sonic the Hedgehog in Super Smash Bros Brawl. Vor allem Beat’em Ups zeigen sich diesem Prinzip recht offen gegenüber – bis auf eines: der wohlgehütete Fanliebling Virtua Fighter ist seit jeher in seiner eigenen Welt eingeschlossen gewesen. Bis jetzt.

Dead or Alive 5 - Virtua Fighter Akira Yuki

Man kann lediglich vermuten, wieviel Überzeugungsarbeit Team Ninja leisten musste, um von SEGA grünes Licht für die Zusammenarbeit zu bekommen. Schließlich ist Virtua Fighter ein Prestige-Name, der sowohl unter Kritikern, wie auch in der Szene einen glänzenden Ruf genießt. Doch letztendlich ist es den Machern von Ninja Gaiden und Dead or Alive (DOA) gelungen; drei Gastcharaktere aus SEGAs Prügelspiel, Akira Yuki, Sarah Bryant und Pai Chan messen sich im fünften Teil der DOA-Reihe mit dem illustren Cast aus Ninjas, Wrestlings-Stars, Kung-Fu Meistern und Doppel-D Damen. Und machen zumindest teilweise eine gute Figur.

Spielerisch sind die Virtua Fighter-Urgesteine ihren Originalen überraschend nah. Zwar wurden auch sie in das "Papier-Stein-Schere"-Korsett gezwängt, das DOA seit dem ersten Teil auszeichnet und die Kämpfe in ein Triumvirat aus Schlägen, Kontergriffen und Würfen aufteilt. Doch bleibt das Move-Repertoire aus Virtua Fighter zu Großteilen erhalten. Sarahs legendärer Flamingo-Stance ist ebenso vorhanden wie diverse Just-Frame und One-Frame-Links von Akira. Des Weiteren ist das Gameplay der SEGA’schen Kämpfer stärker auf das sogenannte "High-Low Mixup" ausgelegt – also das Wechseln zwischen hohen, mittleren und tiefen Angriffen – als beim wesentlich bombastischeren DOA-Cast, dessen Stärke meist darin liegt, den Gegner schnell zum Rande des Ringes zu befördern.

Pai Chan in Dead Or Alive 5

Dies macht Akira, Sarah und Pai in einem technisch eher einsteigerfreundlichen Beat’em Up zu einem kuriosen Trio, das auf den ersten Blick die hohe Einstiegshürde nicht mit einer gleichsam erhöhten Effizienz im Ring kompensiert. Und zum Teil mag dies auch stimmen. Die DOA-Truppe ist in der Regel mit weniger Aufwand genauso effektiv – zumindest bis man lernt, die wesentlich schwieriger einzusetzenden Kniffe von Akira & Co. blühen zu lassen. Der Karateka setzt wie in Virtua Fighter auf äußerst präzige Kommandoeingabe, hat als Ausgleich dafür aber einige der stärksten Moves im ganzen Spiel. Sarah kann durch ihre Stances ihre Angriffe und Combos kurzzeitig pausieren und so etwaige Konter-Versuche des Gegenübers nichtig machen. Pai hingegen ist darauf spezialisiert, den Gegner mit schnellen Angriffen auf Trab zu halten, deren Höhe nur schwer vorherzusehen ist. Spielerisch ist das Crossover also geglückt; trotz DOA-Kontergriffen und einer anderen Engine sind SEGAs Charaktere den Originalen so ähnlich wie es das Grundgerüst erlaubt.

Virtua Fighter Akira in Aktion bei Dead or Alive 5

Bei der reinen Implemetierung in das Universum von Dead or Alive sieht es hingegen anders aus. Und hier lässt sich am ehesten spüren, unter welchen Richtlinien – und Einschränkungen – Team Ninja arbeiten musste. So haben Akira und Konsorten keine neuen Sprachsamples oder gar Dialogtext, sondern lassen nur ihre aus Virtua Fighter 5 bekannten Einzeiler vom Stapel. Dies wirkt nicht nur zusammenhanglos, sondern ist auch akustisch wahrnehmbar, da die unter Fans belächelten Pre- und Post-Match-Aussagen der Virtua-Fighter-Kämpfer bereits im Originalspiel von minderer Qualität waren. Zwar tauchen sowohl Akira Yuki wie auch Sarah Bryant in zwei für Fans interessanten Cutscenes im Story-Modus auf, doch sind sie dort lediglich stumme Modelle, die einer bestimmten Aufgabe nachgehen. Dies mag die Charaktere von einem gewissen Schamfaktor bewahren, dem sich der DOA-Cast in der zu Großteil hanebüchenen Geschichte nicht entziehen kann, lässt die SEGA-Truppe aber wie ein Fremdkörper erschienen. Pai, die keinen Auftritt in der Story hat, wird indes nur durch das Freispielen von Spieler-Titeln verfügbar und taucht demnach lediglich wie von Geisterhand in einer Ecke des Auswahlmenüs auf – ohne Einführung, lediglich begleitet von einer gratulierenden Texteinblendung.

Sarah Bryant - Virtua Fighter in Dead or Alive

Einige Spieler sehen darin die Würde der Charaktere gerettet – DOA ist in der Beat’em Up Szene durch seine sexistische Darstellung von Frauen recht verpönt – für andere hingegen ist es eine vergeudete Chance. Festzuhalten bleibt aber, dass diese Zusammenkunft beiden Marken enorm helfen kann. Hardcore-Prügelspieler, die bislang auf Team Ninjas Reihe herabgeblickt haben, sehen in diesem eher schwer einzusetzenden Virtua-Fighter-Trio eine gute Gelegenheit, sich einmal genauer mit der Reihe zu befassen. Die traditionelle DOA-Zielgruppe hingegen, die zu Großteilen einer weniger "professionellen" Spielerschar angehört, entdeckt dadurch unter Umständen in Virtua Fighter eine neue Prügel-Liebe und greift zum jüngst veröffentlichten Final Showdown auf XBox Live und PSN – welches clevererweise in der Woche der Dead-or-Alive-5-Veröffentlichung um 50% im Preis reduziert wurde.

In jedem Fall zeigt es aber ein SEGA, das aggressiver versucht, seine Marken bekannter zu machen. Nachdem jahrelang lediglich Sonic in diversen Spielen als Gaststar auftrat, zeigt diese Zusammenarbeit mit Team Ninja, dass zukünftig auch mit Seidenhandschuhen behandelte Franchises in anderen Spielen auftreten können. Denn eine Ausnahme wird Dead or Alive 5 nicht bleiben; in Project X Zone, das in einer Zusammenarbeit mit Namco und Capcom entsteht, werden diverse SEGA-Charaktere ihr Stelldichein haben – unter anderem Akira und Pai. Und je mehr Aufmerksamkeit SEGAs heutzutage fast in Vergessenheit geratenen Serien enthalten, desto besser – denn schließlich profitiert nicht nur der Hersteller davon, sondern auch wir: die Spieler.

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