Review

Xbox One-Review

Sonic Mania

veröffentlicht am Montag, den 14. August 2017 von Joël Hartmann
Entwickler
SEGA
Genre
Jump'n'Run
Erscheinungsdatum
15. August 2017

Man könnte annehmen, dass in einer Welt mit Remasters, Ports und Remakes jede Form der Neuveröffentlichung eines Videospiels seinen Fachbegriff erhalten hat – doch wie auch Dr. Eggman haben wir die Rechnung ohne Sonic gemacht. Denn Sonic Mania ist, um einen Terminus aus der Musikbranche zu übernehmen, ein Remix. Es vermischt Altes mit Neuem, bleibt unverkennbar ein Klassiker der mit neuen Akzenten überrascht und sorgt auch bei Kennern des Originals für eine erfrischende Form der Nostalgie. Und im Gegensatz zu den meisten Musik-Remixes ist Sonic Mania tatsächlich gut.

Alles beginnt, wie so oft, durch eine zufällige Begegnung. Das altbekannte Triumvirat aus seligen 16-bit-Zeiten, Sonic, Tails und Knuckles, stößt während eines Rundfugs mit der "Tornado" auf finstere Gesellen. Schnell stellt sich heraus, dass die mechanischen Fieslinge für Dauerbösewicht Eggman arbeiten, der mithilfe eines frisch ausgebuddelten magischen Steins das Raum- und Zeitkontinuum beeinflusst. Zum Glück sind Zeitreisen für Sonic nichts Neues und so zeigt sich der blaue Igel wenig verblüfft als er abermals in der Green Hill Zone landet. Doch nicht alles ist, wie es scheint.

Sonic Mania besteht aus zwölf Zonen à zwei Abschnitten. Vier dieser Zonen sind komplett neu, die restlichen acht stammen aus Sonics Mega-Drive-Ausflügen Sonic The Hedgehog 1-2, Sonic & Knuckles sowieso dem Mega-CD-Klassiker Sonic CD. Wer jetzt meint, nur zu einem Drittel ein neues Spiel zu erhalten, der liegt jedoch nicht ganz richtig: Zwar sind der grobe Aufbau und die verwendeten Gameplay-Ideen in den "alten" Zonen bekannt, 1:1 umgesetzt wurden sie allerdings nicht. Wer mit geschlossenen Augen unversehrt durch die Originale rennen kann wird diese Änderungen am Level-Layout sofort bemerken. Und – so zumindest bei uns der Fall – sie zu schätzen lernen, denn sie verleihen der gebündelten Pixel-Nostalgie eine willkommene Form der Unberechenbarkeit.

Am auffallendsten sind in der Hinsicht selbstredend die neuen Bosse. Mal neu, aber trotzdem klassisch, mal etwas abgefahren, mal gänzlich unerwartet wissen die Widersacher, die am Ende jedes Abschnitts auf eine Abreibung warten, nahezu allesamt zu überzeugen. In gewohnter 16-bit-Manier steht hier das Erlernen von Angriffsmustern im Vordergrund – die wenigsten werden gleich beim ersten Versuch fallen und doch sind sie allesamt fair. Trotz dieser Tatsache lassen sie ein Gamedesign-Konstrukt aus den Neunzigern eher archaisch als nostalgisch wirken: Die Continues, also die "Leben". Mit nur drei Neuversuchen ausgestattet und wenig Möglichkeiten, diese Anzahl zu erhöhen, wirken viele Bosse beim ersten Mal eher bestrafend denn motivierend. Zwar startet man nach einem Game Over wieder am Anfang der entsprechenden Zone, dennoch erschien uns dieses Festhalten an vergangenen Spielstreckungs-Kniffen unnötig.

Denn Sonic Mania hat mehr als genug zu bieten. Der Mania Modus ist das Herzstück, der Story-Modus. Bereits hier sind Unmengen an Geheimnissen versteckt, die nahezu unmöglich beim ersten Durchgang zu finden sind. Die Levels sind Sonic-typisch auf mehrere Ebenen unterteilt von denen man innerhalb eines Durchgangs zwangsläufig nicht alle sehen kann. Special und Bonus Stages feiern selbstverständlich auch ihr Comeback; Letztere wurden ohne größere Änderungen aus Sonic & Knuckles übernommen während Erstere eine Mischung aus diversen vergangenen Gameplay-Ideen sind, am meisten jedoch an die 3D-Abschnitte aus Sonic CD erinnern. Für das erfolgreiche Absolvieren der Specials Stages erhält Sonic einen der legendären Chaos Emeralds, am Ende der Bonus Stages hingegen wartet eine Medaille. Die scheinen auf den ersten Blick lediglich das Ego des Spielers zu stärken, doch der Schein trügt: Wer genug davon sammelt wird nach und nach mehrere, für alteingesessene Fans sicherlich sehr gern gesehene Überraschungen freischalten über die wir in dieser Stelle jedoch den Mantel des Schweigens hüllen.

Der Star von Sonic Mania sind jedoch die vier neuen Zones und auf die werden viele kritische Fan-Augen gerichtet sein. Ob sie jahrelangen Time-Trial Speedruns standhalten werden, können wir nicht beurteilen – wir können aber ruhigen Gewissens behaupten, dass sie in punkto Design, Spielbarkeit, Stil und nicht zuletzt Musikauswahl absolut mit den liebgewonnenen Klassikern mithalten können. Die Studiopolis, Press Garden, Mirage Saloon und Titanic Monarch Zones kommen allesamt mit einem eigenen Look und eigenen Gameplay-Ideen daher, die es so in den restlichen Levels aus Sonic Mania nicht gibt. Und obwohl sie mehr als 25 Jahre nach der Geburt der Green Hill Zone entwickelt wurden, bleibt die Illusion eines 16-bit-Spiels perfekt: Manias Debüt-Zone übersteigen zu keinem Zeitpunkt den Detailgrad, den Sonic & Knuckles bereits auf dem Mega-Drive auf flimmernde Röhrenfernseher zauberte und fügen sich demzufolge nahtlos in ein durch und durch klassischen Geamtbild ein. Vor allem überzeugt auch hier der Mix aus Schnelligkeit und präzisen Jump'n'Run-Abschnitten, wegen denen viele alte Fans auch heute noch die Originale den 3D-Spielen bevorzugen.

Ebenfalls überraschend gelungen ist der neue Splitscreen-Modus, in dem zwei Spieler in ausgewählten Levels Rennen gegeneinander bestreiten können. Für die Hardcore-Fraktion dürfte hingegen der Time Trial Modus interessanter sein, der dank eines Quick-Restart-Buttons und dedizierten Leaderboards keine Wünsche offen lässt. Im "Extras"-Menüpunkt verstecken sich indes kleinere Boni, zu denen wir aus Spoilergründen – einer dieser Modi findet in einem Bosskampf Verwendung – an dieser Stelle nicht mehr verraten. Ein Blick in die Optionen offenbart zu guter Letzt die Möglichkeit, die Bildqualität so einzustellen als würde Sonic Mania auf einem Röhrenfernseher laufen – mitsamt Flimmern, Unschärfe und Scanlines. Also so, wie es sich gehört.

Fazit von Joël Hartmann
9

Sonic Mania wurde seit seiner Ankündigung mit ungewöhnlich wenig Skepsis aufgenommen und das finale Produkt gibt jedem Optimisten Recht. Der neue, alte, 2D-Ausflug mit jedermanns Lieblingsigel trägt seine Historie wie ein Abzeichen auf der Brust und ist absolut selbstsicher beim Einsatz frischer Ideen. Tatsächlich sind die neuen Bosse und Zones so gut, dass wir uns mehr Mut von SEGA gewünscht hätten – mehr neue Stages, weniger alte Levels. Und doch akzeptieren wir gerne den erneuten Ritt durch die Green Hill Zone, denn er steht stellvertretend für einen neuen Anfang auf abgetretenen Pfaden. Punktabzug gibt's lediglich für das veraltete Continues-Konzept – und den ein oder anderen Slowdown in der letzten Stage, welche hoffentlich für die Release-Version ausgemerzt wurden.

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