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Interview

Interview mit Markus Lorenz Wiedemann

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Seit dem 01. April 2005 ist SEGA nach mehrjähriger Auszeit wieder mit einer eigenen Niederlassung in Deutschland vertreten. SEGA Germany übernimmt sämtliche Marketing- und Vertriebsaktivitäten für den deutschsprachigen Raum. Das Team in München wird geführt von Markus Lorenz Wiedemann, dem Managing Director von SEGA Deutschland. Das fünfjährige Jubiläum nahmen wir als Anlass, um ein kurzes Interview mit Herrn Wiedemann zu führen.

Markus Lorenz Wiedemann SEGAHerr Wiedemann, für was genau sind Sie als Managing Director bei SEGA Germany zuständig? Geben Sie unseren Lesern doch einen kurzen Einblick in Ihren Arbeitsalltag.

Als Managing Director trägt man die Gesamtverantwortung für den Erfolg der deutschen Niederlassung. Zudem betreuen wir auch Österreich und die Schweiz. Das Hauptaufgabengebiet ist das Marketing und der Vertrieb der SEGA PC- und Videospiele. Die SEGA Germany GmbH ist eine Marketing- und Vertriebsniederlassung, wir entwickeln in Deutschland keine Software. Deswegen spielt die Kommunikation, Abstimmung und Planung hier eine besonders große Rolle. Eine weitere Kernaufgabe ist die Koordination aller Aktivitäten mit SEGA of Europe in London – unserer Europazentrale. Wir bekommen Ziele und Vorgaben, die es zu es zu erfüllen und umzusetzen gilt, haben dabei jedoch viele Freiheiten. SEGA hat erkannt, dass die individuelle Planung und Anpassung an die lokalen Märkte und Besonderheiten wichtiger geworden ist. Man vertraut sich und erhält dadurch größere Möglichkeiten für eine erfolgreiche Arbeit im deutschsprachigen Raum.
Die genannten Aufgaben erfordern viel umsichtige Planung, mein Alltag wird also in der Tat durch Meetings, Reporte und Analysen geprägt. Wie entwickelt sich der Markt, welche Trends sind zu erkennen und wie kann SEGA diese hierzulande erfolgreich nutzen? Dennoch bleibt neben Emails, Telefon- und Videokonferenzen immer noch Zeit für Spiele – unser Gaming-Raum ist keine zehn Meter von meinem Büro entfernt.

Wie kamen Sie in die Videospiel-Branche?

Nach meinem erfolgreichen Studium der Mathematik war ich für eine PR-Agentur mit Gaming-Kunden tätig – dort war ich für den sehr erfolgreichen Deutschland-Launch der PlayStation 1 mitverantwortlich. Danach habe ich als freier Autor für Videospielmagazine gearbeitet bevor ich die Deutschland-Niederlassung von Codemasters aufgebaut habe. Die Faszination ist immer noch groß, und meine Aufgabe bei SEGA ist, auch wenn sie nüchtern betrachtet vielleicht eher trocken klingt, sehr spannend und unterhaltsam.

Sind Sie auch privat für Spiele zu begeistern?

Natürlich – wer spielt, der hat es einfacher. Und er hat auch mehr Spaß. Ich bevorzuge aufgrund meiner eher spärlichen Freizeit Spiele mit schnellem Zugang. Die DTM-Serie stand in meiner Gunst immer weit vorne, Medal of Honor und Call of Duty gehören zu meinen Favoriten. Ich halte Shooter also nicht für Teufelszeug. Außerdem macht es mir großen Spaß die Profis hier im Büro bei Spielen wir Mario & Sonic etwas zu ärgern, da wird man als Chef gerne unterschätzt.

Nachdem SEGA Deutschland in der Vergangenheit in Hamburg und Düsseldorf residierte entschied man sich 2005 für München. Wie kam es zu dem neuen Standort? Sind Sie heute noch zufrieden damit?

Düsseldorf war seinerzeit sicher eine Geschäftsführer-Entscheidung. Hamburg und München bieten eine hohe Lebensqualität und eine perfekte Verkehrsanbindung, zudem sind beide Städte in Sachen Medienpräsenz führend. Was wiederum in Sachen PR- und Marketing von Vorteil ist. Ich fühle mich in München sehr wohl, wir haben ein tolles Büro in einer sehr schönen Gegend und ich denke und hoffe, dass unsere Mitarbeiter ebenfalls mit dem gewählten SEGA-Standort zufrieden sind.

SEGA Germany wurde mit einer überschaubaren Anzahl an Mitarbeitern gegründet. Wie haben Sie sich seitdem personell verändert? Wie viele der Gründungsmitglieder sind heute noch mit an Bord?

Die überschaubare Anzahl war uns damals sehr wichtig. SEGA hatte eine schwierige Zeit hinter sich – und wir wollten nicht planlos Leute einstellen, um dann nach kurzer Zeit wieder umzustrukturieren. Wir sind Schritt für Schritt gewachsen. Inzwischen haben wir über 20 Mitarbeiter. Gestartet sind wir mit drei Leuten, daraus wurden dann in den ersten Wochen fünf Mitarbeiter. Und was mich besonders freut: das Kern-Team ist noch immer bei SEGA – auch wenn es einen Kollegen aus der Anfangszeit inzwischen zu SEGA of America verschlagen hat.

Was hat sich seit der Wiedereröffnung der deutschen SEGA-Niederlassung bis heute am gravierendsten geändert?

Wir kontrollieren viel mehr Geschäftsbereiche selbst. SEGA hatte in Deutschland zu Beginn beispielsweise keinen eigenen Vertrieb. Wir arbeiten enger mit SEGA of Europe zusammen, wir können uns besser auf die Anforderungen des deutschen Marktes einstellen und sind generell besser und dichter aufgestellt. Wir agieren statt zu reagieren – das ist der größte Unterschied.

Gibt es etwas, das heute noch genauso wie vor fünf Jahren ist?

Natürlich – wir gehen jedes Jahr mit unserem Team auf das Oktoberfest, zudem pflegen wir einige weitere bayerische Rituale. Weißwurstfrühstück? Aber klar doch. Die Stimmung ist gut, was aber auch an den Erfolgen der letzten Jahre liegt. Ich würde sogar sagen, die Stimmung ist besser als in der Anfangszeit. Denn natürlich standen wir unter Druck und unter Beobachtung, da SEGA in Deutschland lange keine Erfolge mehr vorzuweisen hatte. Was sich auch nicht geändert hat: ich rege mich noch immer auf, wenn ich den Eindruck habe, dass unsere Spiele in der Presse zu schlecht wegkommen. Aber das muss wohl so sein.

Was kann bei der Veröffentlichung eines Spieles alles schieflaufen?

Alles. Dafür reicht der Platz hier nicht aus.

Gab es in den letzten fünf Jahren eine Veröffentlichung, die Ihnen besonders im Gedächtnis blieb? Auf welche Veröffentlichung sind Sie besonders stolz?

Shadow the Hedgehog. Jetzt fragen sich die Leser sicher: „Was? Shadow? Soooo toll war das nicht“. Aber es war unser allererster Titel, der es in den Verkaufscharts auf den ersten Platz geschafft hat. Darauf waren wir damals sehr stolz. Der PS3-Launch war ebenfalls eine tolle Erfolgsgeschichte: wir hatten mit SEGA über 20% Marktanteil und die mit Abstand besten Launch-Titel. Besonders möchte ich auf beide Mario & Sonic-Spiele, unsere größten Verkaufserfolge, verweisen. Mir ist klar, dass viele Fans uns vorwerfen, wir würden nur noch „Kinderspiele“ machen. Das kann ich so aber nicht stehen lassen. Diese Spiele sind wirklich für alle Gamer geeignet, zudem haben wir gerade beim zweiten Teil sehr viele Extras für SEGA- und Nintendo-Fans integriert. Außerdem kann sich SEGA durch den enormen Erfolg von Mario & Sonic auch exotischere Entwicklungen leisten. Enttäuschungen gab es natürlich auch: z.B. die fantastischen Umsetzungen von OutRun haben sich eher schlecht verkauft, was ich sehr bedauert habe.

Welcher Veröffentlichung von SEGA fiebern Sie momentan am meisten entgegen?

Vanquish ist mein Favorit. Ich mag Shooter, ich mag Spiele von Mikami-san und ich fand bereits Bayonetta überragend. PlatinumGames ist ein Entwicklungspartner, auf den wir sehr stolz sind.

Anhand welcher Kriterien wird entschieden, welche Titel bei uns erscheinen? Auf Shining Force Feather oder 7th Dragon wartet man hierzulande leider noch (vergeblich?).

Das sind schlicht und einfach Zahlen. „Wie viele Spiele lassen sich vermutlich verkaufen, wie hoch sind die Kosten für Lokalisierung und Marketing?“ Mit Resonance of Fate, Valkyria Chronicles, Bayonetta und Infinite Space haben wir jede Menge eher exotische Themen in Deutschland veröffentlicht. Yakuza 3 hat es, wenn auch verspätet, ebenfalls noch geschafft. Es ist nicht so, dass wir nicht auf die Wünsche der deutschen Spieler hören.

Warum gibt es in Deutschland so gut wie keine Collectors Editions von Spielen, im restlichen Europa dagegen schon? Wird sich das in absehbarer Zeit ändern?

Früher gab es ausschließlich Sammler-Editionen im PC-Segment, aber durch Xbox Live, Wii Ware und PSN können wir in Zukunft auch Sammler-Editionen für Konsolen anbieten. Dies war in der Vergangenheit sehr schwierig wegen dem Altersrating. Außerdem war der deutsche Handel für klassische Zugaben, die einen echten Mehrwert anbieten, nicht bereit Regalplätze zu schaffen.

SEGA ist sehr konsequent, wenn es darum geht Spiele ohne Alterskennzeichnung in Deutschland nicht zu veröffentlichen. Wie stehen Sie dann zu Spiele-Importen? Einige andere Publisher untersagen diese strikt.

Wir können nur beschränkt auf Importe Einfluss nehmen, wenn diese aus Nicht-EU-Mitgliedsstaaten kommen. Für EU-Mitglieder gilt das freie Handelsabkommen, das wir zu 100% unterstützen.

Wird es für deutsche SEGA-Fans irgendwann die Möglichkeit geben, offizielle Fanartikel direkt zu erwerben? Bisher muss man häufig den Umweg über ausländische Händler oder Auktionshäuser gehen - außerdem ist die Auswahl an Merchandising sehr dürftig.

Dies ist derzeit leider nicht geplant – wir haben dafür keine personellen Ressourcen. Außerdem handelt es sich in vielen Fällen um Sublizenzen die SEGA Japan exklusiv vergeben hat. Der jeweilige Lizenznehmer entscheidet dann also, was er in Deutschland anbietet und was nicht.

Gibt es etwas, was Sie den deutschen SEGA-Fans unbedingt noch mitteilen möchten?

Man sollte immer mindestens einen Ring dabei haben, wenn es gegen den Boss geht!

Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben!

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