Review

Playstation 3-Review

Hatsune Miku: Project DIVA F

veröffentlicht am Donnerstag, den 12. September 2013 von Joël Hartmann
Entwickler
Crypton Future Media
Genre
Musik
Erscheinungsdatum
04. September 2013

In Nippon ein Phänomen, das seinesgleichen sucht, ist die virtuelle Sängerin Hatsune Miku im Westen nur informierten Japanophilen ein Begriff. Etwas bekannter hingegen sind SEGAs Videospiel gewordene Umsetzungen der Materie, die sich seit nunmehr vier Jahren auf diversen Plattformen breit gemacht haben – bis dato allerdings exklusiv im Land der aufgehenden Sonne. Mit Hatsune Miku: Project Diva F wagt sich der Traditionshersteller zum ersten Mal über den großen Teich und wird mit offenen Armen von einer bettelnden Fangemeinde empfangen. Zurecht, wie wir finden.

Im Herzen ein Musik- und Rhythmusspiel der alten Schule, wird Hatsune Miku im westlichen Mainstream aufgrund der musikalischen Darbietungen dennoch einen schweren Stand haben. J-Pop ist in unseren Kulturkreisen größtenteils verpönt, japanische Musikspiele demzufolge weitaus weniger erfolgreich als Guitar Hero, Rock Band und Co. Das urplötzliche Verschwinden der beiden letztgenannten Marken hat allerdings eine Lücke hinterlassen, die von SEGAs Türkisschopf teilweise wieder aufgefüllt werden könnte. Denn wer sich eingängiger mit dem computer-generierten Vocaloid beschäftigt, der findet weitaus mehr Stilrichtungen und Musikgenres wieder als man annehmen könnte. Ausbleiben wird der Kulturschock trotzdem nur bei wenigen Spielern.

Im Hatsune Miku: Project DIVA F Music Showcase stellen wir euch einige Stücke kurz vor. So erhaltet ihr einen Eindruck von den verschiedenen Stilrichtungen.

Doch sobald die Gehörgänge akzeptiert haben, dass das Äquivalent zu "Eye of the Tiger" nun "Nyanyanya" heißt und mit felinen Lauten der Regenbogenkatze Tribut zollt, zeigt sich Project Diva F von seiner stärksten Seite. Genretypisch gilt es, sich bewegende Symbole zum richtigen Zeitpunkt mit einem Knopfdruck erklingen zu lassen. Dreieck, Quadrat, Kreis und X entsprechen logischerweise den bekannten Playstation-Symbolen, können aber auch mit der entsprechenden Richtungstaste des Steuerkreuzes gespielt werden. Neu in Project Diva F – beziehungsweise in der ursprünglichen Vita-Version Project Diva f – sind goldene Sternsymbole. Die sorgten auf Sonys Handheld aufgrund ihrer problematischen Bedienung für Kritik (verlangt wurde das Berühren des Touchscreens), sind auf der Playstation 3 durch die Steuerung über beide Analogstick hingegen nicht länger ein Problem. Im Gegenteil; schnelle Notenfolgen kann man mittlerweile bequem im Takt mit beiden Sticks abarbeiten.

In vier Schwierigkeitsgraden kann sich der (un)erfahrene Spieler in die Songs einarbeiten. Leicht und Normal sind Anfängern zu empfehlen, während Schwer die erste Wahl für erfahrene Gamepad-Trommler darstellt. "Extreme" hingegen ist eine Klasse für sich und lehrt sogar Musikspiel-Veteranen mit absurden Tastenkombinationen und hohen Punktevorgaben das Fürchten. Kleinere Genreprobleme kann allerdings auch Hatsune Miku nicht gänzlich umgehen; in niederen Schwierigkeitsgraden degradiert sich die musikalische Show zu einem visuellen Spektakel, da man nur rudimentär dem Rhythmus folgt. Der Wechsel von "Normal" auf "Schwer" könnte dafür für den ein oder anderen Spieler ohne Einsatz der punktereduzierenden "Hilfe-Items" etwas überwältigend wirken, da sich die Noten- und Tastenanzahl locker verdoppelt. Wer dran bleibt, erlebt Project Diva F jedoch in seiner reinsten Form – sind die Symbole in Fleisch und Blut übergegangen, lautet die Devise nur mehr Fühlen, und nicht Denken.

Mit 38 Songs ist die Songauswahl befriedigend, aber nicht überwältigend. Beeindruckend ist hingegen, mit welcher Sorgfalt jeder Einzelne dargeboten wird. Von animierten Zeichentrick-Episoden bis hin zu aufwändig inszenierten Tanzeinlagen ist das Musikvideo jedes einzelnen Songs eine Klasse für sich. Gut also, dass sie separat anwählbar und als Videos abgespielt werden können – im Eifer des Gefechts sollte man sich nämlich vorzugsweise auf die Tastensymbole konzentrieren. Einige Lieder definieren sich überdies primär über das dargebotene Musikvideo. "MMO-Addict" etwa ist musikalisch lediglich durchwachsen, wird aufgrund seines Phantasy-Star-Online-Hintergrunds jedoch von vielen SEGA-Fans mehr als einmal gespielt werden.

Für jeden abgeschlossenen Song erhält der Spieler sogenannte Diva Points. Die lassen sich im Shop gegen neue Kostüme für die Sängerinnen und Sänger eintauschen – etwa Kimonos, Bikinis und ein FOnewearl-Anzug – oder aber werden im Geschenkeladen ausgegeben. Ebendiese Geschenke können im Diva-Modus dazu eingesetzt werden, die Beziehung zu den Spielfiguren zu verbessern. Pro Rangaufstieg erhält man Zugriff auf weitere Gegenstände, mit denen man die Räumlichkeiten der Diven dekorieren kann. Wer knapp bei Kasse ist, kann seine Diva alternativ auch im Nintendogs-Stil streicheln und für seine Mühe Beziehungspunkte ernten. Ein urjapanischer Modus also, der hierzulande nur wenige Befürworter finden wird – wer sich allerdings damit anfreunden kann, findet hier mannigfaltige Möglichkeiten, das gehortete Geld mehr oder weniger sinnvoll zu investieren.

Dritter und letzter Stützpfeiler von Project Diva F ist der Edit Mode, und damit gleichzeitig der potenzielle Garant für die Langlebigkeit der Software. Hier lassen sich eigene Musikvideos mit im Spiel vorhandenen Songs oder eigenen MP3-Liedern erstellen und über die Netzwerk-Funktion mit Spielern auf der ganzen Welt teilen. Die Bedienung des Editors ist vergleichsweise komplex und erfordert mehrere Stunden Einarbeitungszeit, ermöglicht es im Anschluss allerdings, die Szenen bis ins kleinste Detail nach den eigenen Wünschen zu gestalten. Wem dafür die Geduld fehlt, der kann ruhigen Gewissens auf den Einfallsreichtum anderer Spieler vertrauen – zum Testzeitpunkt befanden sich bereits mehrere überzeugende Projekte in der Online-Bibliothek, welche sich schnell und problemlos herunterladen und ausprobieren ließen.

Fazit von Joël Hartmann
8
Schrill, bunt, hektisch. Kulleraugen, wohin man sieht. Hatsune Miku: Project Diva F ist maßgeschneidert für eine andere Kultur, funktioniert aber auch in heimischen Gefilden wunderbar. Sowohl aufgrund des robusten Rhythmus-Gameplays, als auch dank der überraschend facettenreichen Songauswahl (siehe Video). Besonderes Lob verdient der komplexe, aber sehr umfangreiche Editor, welcher das Potenzial hat, eine treue Fangemeinde über Jahre hinweg bei Laune zu halten. Ein Rundum-Sorglospaket also für Musikspielfans ohne Japan-Allergie.
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